Montag, 24.02.2020 12:46 Uhr

Raubgut oder Rezeption – Provenienzkontroverse in Ffm

Verantwortlicher Autor: Michael Scheuermann Frankfurt am Main, 23.01.2020, 16:02 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 4204x gelesen

Frankfurt am Main [ENA] Es sollte alles einvernehmlich aussehen – fünf Ausstellungen in vier Frankfurter Museen, die Auskunft über die Herkunftsforschung von Schaustücken geben und – im Weltkulturen-Museum - an die koloniale Ausbeutung der Europäer erinnern. Dass man mit Schaustücken aus „kolonialen Kontexten“ auch unideologisch umgehen kann, das zeigte eine Ausstellung im örtlichen Museum Giersch der Goethe-Universität.

Ausgerichtet vom Frobenius-Institut der Frankfurter Uni zeigte diese Schau mehr als 200 Nachzeichnungen prähistorischer Felsbilder, die der Namensgeber der Einrichtung, der Ethnologe Leo Frobenius, mit seinem Team zusammengetragen hatte. Das Institut befasst sich heute weltweit mit der Erforschung kultureller Diversität und erblickt seine Aufgaben darin, kulturanthropologisches Wissen zu erweitern und über den wissenschaftlichen Dialog einen reflektierten Umgang mit kultureller Differenz zu fördern. Neben der hohen Qualität der Reproduktionen der vorzeitlichen Bildwerke aus europäischen Eiszeithöhlen und afrikanischen Wüsten beeindruckte in der Schau die differenzierte Darstellung der Forschungspersönlichkeit des Ethnologen Frobenius:

bürgerliche Lebensweise, Exkursionen und Ausstellungen, die Künstler wie Picasso, Masson und Miró beflügelte, Analogien zwischen prähistorischer und moderner Kunst zu suchen. All das kostete Geld, das der Ethnologe bei den politischen Eliten im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und bei den Nazigrößen auftrieb. Heute ist das Frobenius-Institut weltweit mit über 30 Institutionen vernetzt.

Reproduktionen der Schaustücke, die Frobenius bei seinen Exkursionen zusammengetragen hat, stellt das Institut seinen Kooperationspartnern gerne mit Begleitprogrammen zur Verfügung. Dabei werden die Exponate zum Vehikel kulturellen Austauschs, dem nicht daran gelegen ist, sich in opferideologischen Befangenheiten zu verheddern. Ob diese Entwicklung die neokolonialistisch argumentierenden Frankfurter Museen ermutigt, sich auf kollaborative Austausche einzulassen, wie sie das Frobenius-Institut vorlebt, bleibt allerdings fraglich. Denn das würde unter anderem voraussetzen, provenienzdogmatische Positionen zu räumen.

Diese orientieren sich in Frankfurt streng an denen der europaweit tonangebenden Ethnologin Bénédicte Savoy (mit ihrem Primat der Besitzgeschichte eines Objekts aus „kolonialem Kontext“). Auch würde es bedeuten, endlich mit renommierten Museen und Instituten in Afrika und Asien Ausstellungsaustausch zu praktizieren – jenseits unfruchtbarer post- oder neokolonialistischer Befangenheiten. Es würde auch heißen, die differenzierte Verflechtung der klassischen Moderne mit Positionen des Primitivismus aufzuzeigen. Kurzschlüssige Verbalattacken gegen die Rezeptionsästhetik etwa des Expressionismus, wie sie Christoph Grunenberg, der Leiter der Bremer Kunsthalle, gegen die Rezeptionslust der Ethno-Kunst ins Feld führt, wären kritisch aufzuarbeiten.

Doch davon kann sobald nicht die Rede sein: Erst unlängst hat Grunenberg festgestellt, die künstlerische Wahrnehmung des Primitivismus lasse sich auf ein Amalgam aus künstlerischer Bewunderung, Projektion eskapistischer Utopien und exotisierender Phantasien reduzieren. Dass holzschnittartige Thesen wie diese eine angemessene Sicht und eine engagierte Praxis in Sachen Kunstaustausch verhindern liegt auf der Hand. Die Frankfurter Provenienz-Kontroverse ist nachzulesen in der Ausstellungsdokumentation der vier Frankfurter Museen „Gekauft, Gesammelt Geraubt?“ und im verdienstvollen Katalog zur Ausstellung des Giersch Museums der Universität Frankfurt „Frobenius – die Kunst des Forschens“.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.